Öl-Industrie setzt voll auf Plastik – es drohen „stranded assets“ von bis zu 400 Mrd. US-$

Berlin, 14.09.2020.

Neues Wirtschaftswunder warnt: Eine aktuelle Studie des Think Tanks Carbon Tracker zeigt: Die Öl- und petrochemische Industrie setzt für künftiges Wachstum voll auf Plastik und riskiert damit stranded assets (verlorene Vermögenswerte) im Umfang von bis zu 400 Mrd. US-$. Hintergrund ist der massive Aufbau von Produktionsanlagen für Neukunststoffe, mit dem die petrochemische Industrie Umsatzeinbußen aus der Umstellung auf Elektrofahrzeuge und erneuerbare Energien kompensieren will. Ginge es also nach der Industrie, droht der Welt eine weitere Plastikschwemme. Dies ist nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch aus ökonomischen Gründen Unsinn!

Wie der englische Guardian berichtet, planen große Ölkonzerne, darunter Saudi Aramco und Royal Dutch Shell, Ausgaben in Höhe von etwa 400 Mrd. US-$, um das Angebot an Neukunststoffen in den nächsten fünf Jahren um ein Viertel zu erhöhen. Ziel ist, die Auswirkungen von Elektrofahrzeugen und sauberen Energietechnologien auf die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen auszugleichen. Die Ölindustrie hofft, dass Neukunststoffe in den kommenden Jahren der größte Wachstumstreiber für die Ölnachfrage sein werden. Dies ist nicht nur ökologisch höchst bedenklich. Auch ökonomisch ist diese Hoffnung zweifelhaft: Denn neue Zahlen deuten darauf hin, dass diese Investitionen wertlos zu werden drohen.

Regierungen weltweit setzen derzeit Vorhaben um, Einwegkunststoffe zu reduzieren und die Recyclingquote zu erhöhen, um die Umweltverschmutzung durch Kunststoffe endlich wirksam zu bekämpfen. Carbon Tracker kommt in seiner Studien nun zum Ergebnis, dass die Nachfrage nach Neukunststoffen bereits 2027 ihren Höhepunkt erreichen könnte, da sich das Nachfragewachstum von 4 % pro Jahr auf 1 % verlangsamt. Diese Daten bestärken die Annahme, dass die weltweite Ölnachfrage ihren Höhepunkt bereits 2019 erreicht haben könnte.

Hinzu treten ökonomische Auswirkungen: Die Herstellung von weniger Neukunststoff, der aus raffinierten fossilen Brennstoffen hergestellt wird, könnte die globalen Nachfrageprognosen um Millionen von Barrel Öl senken. „Entferne den Pfeiler „Neukunststoffe“, auf dem die Zukunft der Ölindustrie ruht, und die ganze Erzählung von der steigenden Ölnachfrage bricht zusammen”, so Kingsmill Bond, Energiestratege bei Carbon Tracker. BP rechnet z.B. damit, dass 95% des Nachfragewachstums für Öl in den kommenden Jahren auf die Produktion von Neuplastik entfallen wird. Daher: Die Kunststoffindustrie ist „ein aufgeblähtes Ungetüm, reif für Disruption” durch Regelungen, die den CO2-Fußabdruck reduzieren und die Plastikverschmutzung der Weltmeeren zu bekämpfen, so der Bericht von Carbon Tracker.

Die Initiative Neues Wirtschaftswunder meint dazu: „Es ist schlichtweg Irrsinn für die Kunststoffindustrie, zu erwarten, dass sie ihre Kohlenstoffemissionen verdoppeln kann, während der Rest der Welt versucht, sie auf Null zu reduzieren”. Die Kohlendioxidemissionen betragen schätzungsweise 5 Tonnen pro Tonne produzierten Neukunststoffs oder 1,75 Gigatonnen Kohlendioxid pro Jahr. Plastik hat massive, nicht internalisierte Kosten von 1.000 US-$ pro Tonne für CO2-Emissionen, Gesundheitskosten, Sammelkosten und Meeresverschmutzung (Valuing Plastic, UNEP and Trucost, 2014).

Trotzdem landet 36% des weltweiten Plastik nach Einmalgebrauch im Abfall, 40% des Plastik enden in der Umwelt und nur 10% des Plastik werden recycelt (Production, use and fate of all plastics ever made, Geyer 2017). Umfragen aber zeigen, dass 70-80% der Befragten einen radikalen Wandel der Plastikindustrie wollen (A Throwaway World, IPSOS 2019). Beispielhaft hierfür ist der Vorschlag der EU aus diesem Sommer, eine Steuer von 800 EUR pro Tonne für nicht wiederverwerteten Kunststoffabfall einzuführen. Wenige Monate davor hatte bereits China ein Verbot biologisch nicht abbaubarer Einwegkunststoffe in Großstädten ab Ende 2020 und in allen Städten und Gemeinden bis 2022 angekündigt.

Die Politik scheint also endlich zu beginnen, auf die Umweltkatastrophe durch Plastik (wenn auch zögerlich) zu reagieren. Eine wirkliche Lösung kann aber nur im Dreiklang liegen von Vermeiden – Ersetzen – Recyceln. Eine stringente Umsetzung dieser Maßnahmen wird nach der Studie von Carbon Tracker zu einem Absinken der Nachfrage nach Neuplastik von derzeit prognostizierten 4% p.a. auf nur noch 1% p.a. führen, mit Erreichen der Nachfragespitze bereits im Jahr 2027.

Falls sich die Nachfrage nach Neuplastik aber abschwächt, verliert die Ölindustrie ihren wesentlichen Nachfragetreiber. Dies macht es umso wahrscheinlicher, dass bereits 2019 der Spitzenbedarf von Öl erreicht war, so die Studie. Dies bedeutet eine erhebliche Differenz zwischen den Nachfrageprognosen der petrochemischen Industrie und der tatsächlich zu erwartenden Ölnachfrage: Die Annahme der Industrie, ihre Kapazitäten jährlich um 4% steigern zu können erscheint unrealistisch. Obwohl die Öl- und petrochemische Industrie bereits jetzt massive Überkapazitäten aufweist, plant die Industrie Investitionen von 400 Mrd. US-$ in neue Produktionskapazitäten von 80 Megatonnen. Damit drohen ein lock-in Effekt, Preisverfall und „stranded assets“.

Unternehmen am oberen Ende der Kostenkurve werden Anlagen stilllegen, Unternehmen im mittleren Bereich der Kostenkurve werden spürbare Ertragseinbrüche erleiden. Ein Großteil der in den kommenden Jahren neuaufgebauten Produktionskapazitäten wird nicht die erwartete Rendite erwirtschaften. Ungeachtet dessen plant die petrochemische Industrie massive Neuinvestitionen in Produktionsanlagen für Neukunststoffe und riskiert damit einen lock-in Effekt: Getätigte Milliarden-Investitionen müssen sich rechnen, mit der Folge, dass die Schwemme von Neuplastik anhält. Dies muss verhindert werden!

Die Umstellung der Plastikproduktion auf Kreislaufwirtschaft im Wege eines hohen Recyclinganteils wird kommen müssen. Daher drohen bis zu 400 Mrd. US-$ an geplanten Investitionen der Öl- und petrochemischen Industrie verlorenzugehen, zu „stranded assets“ zu werden. Dieses Risiko kommt „on top“ zu Ankündigungen des US-Superkonzerns Chevron vom Dezember 2019, Vermögenswerte in Höhe von bis zu 11 Mrd. US-$ abzuschreiben. Der britische Rivale BP kündigte im Juni2020  Abschreibungen in Höhe von bis zu 17,5 Mrd. US-$ an, und der britisch-niederländische Konkurrent Royal Dutch Shell teilte im Juli mit, Abschreibungen in Höhe von bis zu 22 Mrd. US-$ zu verbuchen. Diese Abschreibungen betrafen aber nur den Wert von bislang nicht ausgebeuteten Öl- und Gaslagerstätten und basierten seinerzeit noch auf den positiven Absatzerwartungen wegen Neukunststoffen. Eine Verschlimmerung steht also zu befürchten.

Finanzmarktakteure und insbesondere Investoren sollten daher mit Blick auf die Öl- und petrochemische Industrie folgendes bedenken:

  • Drohender anhaltender Preisverfall für Schlüsselreserven der Öl-, Gas- und Kohleiindustrie (stranded assets)
  • Anhaltender Druck auf den Ölpreis
  • Nachfragerückgang für (Neu)Kunststoffe
  • Drohende Abschreibungen auf Produktionsanlagen
  • Branchen-Konsolidierung, da schwächere Marktteilnehmer verschwinden werden

Jedenfalls sollten Finanzmarktakteure Investitionsvorhaben zur Kapazitätserweiterung der Öl- und petrochemischen Industrie skeptisch betrachten. Angesichts hoher Kapazitäten und nachlassender Nachfrage ist das business case vieler Unternehmen dieses Sektors nicht überzeugend. Die meisten Finanzinvestoren haben die speziellen Herausforderungen der Branche bereits seit langem erkannt und sich von ihr abgewandt: Während etwa der US-Börsenindex S&P500 in den letzten fünf Jahren um 77% gestiegen ist, verfielen die Aktienkurse der öllastigen US-Energieunternehmen um durchschnittlich 43%.

NWW-Fazit: Eine Investition in die Öl- und petrochemische Industrie ist eine doppelte Wette auf den Erhalt eines Wirtschaftssystems, das auf fossilen Energieträgern beruht und nicht zukunftsfähig ist.