Wie ist die Initiative entstanden?

Die Initiative Neues Wirtschaftswunder geht zurück auf den am 20. bis 21. März 2020 veranstalteten, bundesweiten Hackathon #WirVsVirus.

Ziel des Hackathons war, Menschen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie bundesweit zusammenzubringen und gemeinsam von zu Hause aus Lösungen zu erarbeiten. Initiiert wurde er durch die Organisatoren Code for Germany, Impact Hub Berlin, Initiative D21, ProjectTogether, Prototype Fund, Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland und Tech4Germany.

Am Hackathon nahmen über 40.000 Menschen teil. Zu den eingereichten Projekten zählten unter anderem auch eine Skizze zu gesellschaftlichen Fragestellungen, z. B. wie die im Rahmen der Covid-19-Pandemie generierten Finanzhilfen genutzt werden können, um die Erreichung des 1,5 °C Ziels des Pariser Klimaabkommens zu verwirklichen.

Nach Auslaufen des Hackathons fanden sich mehrere Teams des Hackathons zusammen, um die Skizze weiter zu entwickeln und gründeten die gemeinsame Initiative Neues Wirtschaftswunder. Mit einem “Offenen Brief” an Abgeordnete und die Bundesregierung gelang bundesweit ein erfolgreicher Eintritt in die Fachdebatte und mit einer Petition an den Deutschen Bundestag konnte das Thema eine breite Öffentlichkeit erreichen.

Warum “Neues Wirtschaftswunder”?

Der Name ist Anfang April 2020 in einer Debatte innerhalb der Initiative aus dem Bedürfnis heraus entstanden, dem Vorhaben einem Begriff zu geben, der von einer breiten Öffentlichkeit verstanden wird und quasi selbsterklärend ist.

Aus einer Vielzahl von Vorschlägen wurde “Neues Wirtschaftswunder” gewählt. Gemeinsam mit dem Untertitel “für eine sozial-ökologische Transformation” soll verdeutlicht werden, dass wir von einer Ausgangslage kommen, die tiefgreifende Einschnitte in allen Lebensbereichen verursacht hat und uns in einer Situation befinden, in der eine positive Zukunft gestaltet werden kann, auch wenn die bisherige Lebenserfahrung dafür zunächst wenig Anhaltspunkte bietet.

Mit einem “Wirtschaftswunder” verbinden Menschen in Deutschland die Überwindung der Angst vor einer ungewissen Zukunft. Sie erinnern sich kollektiv an eine Zeit der Prosperität, eine Zeit der relativ ausgeglichenen Verteilung von Einkommen und vor allem an konkrete Möglichkeiten zum Vermögensaufbau. Sie verbinden damit eine Periode hohen sozialen Ausgleichs. Kennzeichen dieser Periode waren Errungenschaften wie auskömmliche Einkommen, betriebliche Mitbestimmung und erste Ansätze der Mitarbeitendenbeteiligung an Unternehmensgewinnen. 

Der französische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty hat in seiner bahnbrechenden Arbeit „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ gezeigt, dass insbesondere nach dem 2. Weltkrieg für nicht-vermögende Menschen realistische Möglichkeiten bestanden, mit ihrem eigenen Einkommen Vermögen und Wohlstand aufzubauen. Dies hat Abhängigkeitsverhältnisse abgebaut.

Wir erinnern mit dem Begriff auch an z.B. das Ahlener Programm der CDU von 1947, das am Beginn einer neuen Ära sogar postulierte : „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen … nicht gerecht geworden … Es muss eine neue Struktur der Wirtschaft gesucht werden, die die Mängel der Vergangenheit vermeidet, und die Möglichkeit zu technischem Fortschritt und zur schöpferischen Initiative des einzelnen lässt.“ 

Wir stehen heute wieder am Beginn einer neuen Ära. Das “Neue” ist der künftige Fokus auf der sozial-ökologischen Transformation zu einer nachhaltigen Gesellschaft vor allem im Rahmen der UN-Nachhaltigkeitsziele und ihrer gegenseitigen Abhängigkeiten.

Wir wollen zur Debatte um Wohlstand für Alle innerhalb planetarer Grenzen beitragen.

Mit dem Begriff “Neues Wirtschaftswunder” verdeutlichen wir, dass uns daran gelegen ist, diese Diskussion in die Mitte der Gesellschaft und des politischen Spektrums zu tragen.

Denn ohne einen soliden gesellschaftlichen Konsens dürfte eine Jahrhundertaufgabe wie die sozial-ökologische Transformation unserer Wirtschaft und Gesellschaft kaum gelingen.Wie schon einmal bedarf es dabei einer neuen Struktur der Wirtschaft.

Es braucht also andere Geschäftsmodelle, Produkte, Lieferketten und Prozesse, eine Verzahnung von wirtschafts- und umweltpolitischen Zielen, kurz: ein hohes Maß an sozialer und technischer Kreativität und Innovationskraft.  Wir brauchen adaptive und disruptive Innovationen, auch bei der Existenzsicherung für alle Mitglieder der Gesellschaft. 

Hier setzt das „Neue Wirtschaftswunder“ konzeptionell an. Es basiert auf der 

sozial-ökologischen Transformation hin zu einer nachhaltigen Welt

und macht dadurch – anders als das „alte“ Wirtschaftswunder – den Schutz und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen zur Grundbedingung und Aufgabe wirtschaftlicher Aktivität nach der einfachen Formel: ohne Klimaschutz keine Zukunft für die Menschen; ohne Menschen keine Wirtschaft.

Dabei kommt es der Initiative darauf an, alle Aspekte von Ausgleich einzubeziehen, z.B. in Bezug auf das Verhältnis des globalen Südens zum globalen Norden, das nur allzu häufig noch von Ausbeutung und dem Weiterleben quasi-kolonialer Strukturen gekennzeichnet ist. Dies berührt auch Themen wie Klimagerechtigkeit, weltweit zunehmende soziale Ungleichheit, Nutzung von Ressourcen und dergleichen mehr. Es kommt aber genauso darauf an, einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens zu ermöglichen. Transformation ist ein langwieriger Prozess.

Hauptelement von Nachhaltigkeit ist die sog. “Resilienz” (die Fähigkeit und Kompetenz, mit Krisen umzugehen und Widerstandsfähigkeit zu entwickeln), die durch Dezentralität und Vielfalt erreicht wird. Während die vergleichsweise “junge” Spezies Mensch in ihrer kurzen Entwicklungszeit hin zu zentralen, auf den ersten Blick einfacheren (Mono-) Strukturen tendiert, macht es Natur den Menschen im Umgang mit der Komplexität des Lebens vor: Beständigkeit und Zukunftsfähigkeit auf der Grundlage Milliarden Jahre währender Erfahrung mit einem durchgängigen Konzept dezentraler, regionaler und lokaler Strukturen bei gleichzeitig bestehenden globalen Wirkmechanismen. Es ist für den Menschen an der Zeit, erwachsen zu werden.